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Süddeutsche Zeitung Magazin - Stil Leben

März 2013

Nouvelle Vague

Lauren Rubinski ist sich nicht ganz sicher, wie sie das finden soll: Erst hat die Soul-Diva Ciara auf der letzten Art Basel Miami Beach groß bei ihr eingekauft, jetzt hat auch noch der dickhosige R’n’B-Star Usher zwei Diamantohrstecker ihres Labels Pristine erstanden. Die 27-Jährige fürchtet, dass sie bald zur neuen Lieblingsausstatterin der Hip-Hop-Szene werden könnte. Alles schön und gut, sagt sie. Der Plan sei nur ein ganz anderer gewesen: mit einer neuen Art von Schmuck die High- Fashion umzukrempeln.

Es ist dieses ausgeprägte Selbstbewusstsein, mit dem Lauren Rubinski zum Liebling von Vogue, Colette und den anderen Pariser Stilinstitutionen wurde. Ihre spekta- kulären Ohrstäbe, die auf den ersten Blick aus einem zweifelhaften Piercingstudio für die nächste Punkgeneration zu stammen scheinen, auf den zweiten Blick aber mit hauchzarten Diamanten besetzt sind, verkaufen sich seit mehreren Saisons prächtig. Ebenso der »Oop«, wie die Designerin ihr Ohrringmodell »Hoop« mit weichem französischem Akzent ausspricht. Das erinnert mit seinen diamantbesetzten Nieten ebenfalls an den rauen Glam der frühen Londoner Punkkultur – und ist längst vergriffen. »Mir gefällt die Idee, das Luxuriöse mit etwas Aggressivem zu verbinden«, sagt Lauren Rubinski.

Die Designerin trägt einen schwarzen Kaschmirpulli und Röhrenjeans, dazu einen rosafarbenen Leopardenmuster-Schal und Louboutin-Loafers mit Goldnieten. Sie sieht aus, wie bestimmte Mädchen aus Paris eben aussehen: sehr hübsch, nicht weniger stolz. In ihrem Elternhaus im vornehmen Bezirk Neuilly-sur-Seine, einem Reichengetto, in dem nahezu die gesamte Riege der Industriebosse und Spitzenmanager Frankreichs wohnt, fiel es ihr als Jugendliche leicht, den Punk zu spielen. Rubinski flog mehrfach von der Schule, sie feierte lieber, sammelte Piercings. Später, auf der Designschule, war sie wieder die Außenseiterin. »Meine Kommilitonen kamen alle aus der Gothic-Szene«, sagt sie. Die Tochter aus gutem Hause wurde ignoriert. Sie brach die Ausbildung ab.

Während einer Reise nach Los Angeles entdeckte sie auf einem Flohmarkt einen einfachen Holzstab, wie ihn die Kayapó, die Ureinwohner des Amazonas, als Ohr- schmuck tragen. Ihre Mutter war schockiert, als das Kind mit dem daumendicken Piercing im Ohr zurückkam. Rubinski beschloss, eine Edelversion dieses Piercings zu entwickeln. Einen Ohrstecker, der so aussieht wie ein kleiner Balken, für den man aber nur ein kleines Ohrloch braucht. Sie ließ einen Prototypen fertigen, den sie erst selbst trug, dann ihre Freundinnen, die Schwestern Prisca und Jenna Courtin-Clarins, Milliardärstöchter und Erbinnen des Kosmetikkonzerns Clarins, die zu New Yorks Party-Adel gehören – nicht die schlechtesten Schaufensterpuppen. Die Marktpositionierung gelang. Fortan machten diese Modemädchen den Schmuck von Pristine bekannt. High-End- Schmuck, nicht für die Gala im Élysée-Palast, sondern eher für eine Nacht in Pariser Clubs wie »Le Montana«, dem »Studio 54«-artigen Laden von Purple-Chef Olivier Zahm.

Als Rubinski vor rund drei Jahren ihr Label Pristine gründete, entstand in Paris gerade ein völlig neuer Markt für Schmuck und Accessoires. Aurélie Bidermann, Gaia Repossi oder Marie Poniatowski bilden inzwischen zusammen mit ihr die neue Generation der Pariser Schmuckdesigner. Sie alle machen Armbänder, Ketten und Ohrringe, die sich mühelos in die Looks von Carven, IRO und Isabel Marant einfügen. Hochwertiger Schmuck, der nicht auf Hochglanz poliert in den Schaufenstern der Rue de la Paix liegt, sondern aus einer anderen Welt zu kommen scheint – obwohl er nur ein paar Straßen weiter verkauft wird, in Concept Stores wie Montaigne Market oder Colette, neben Hipster-Jeans aus Schweden und Modemagazinen. »Kürzlich hat Barneys New York angefragt«, sagt Rubinski. »Sie wollen das volle Programm.« Die Upper East Side sehnt sich nach Pariser Neu-Punk. Sie werden ihn bekommen. Mit Nieten, Stacheln und Diamanten.

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