Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung

November 2012

Voll auf die Nase

So also riecht es zu Hause bei Paul McCartney. Beziehungsweise vor seiner Haustüre. Ein bisschen staubiger Kaminrauch, etwas getrockneter Rebstock, ein Hauch Ziegelstein. Diese Zutaten sind das Ergebnis eines Feldforschungstrips von Margo Breznik. Um dem Helden aus ihrer Teenagerzeit mit einer Duftkerze für ihre Manufaktur Tatine ein Denkmal zu setzen, war sie 2008 von Chicago nach London gereist, um in McCartneys Wohnviertel St. John’s Wood herumzuschnüffeln und den Geruch nobler Nachbarschaft nachzuahmen. Auf die eigentümliche Komposition wurde erst die US-Modekette Anthropologie aufmerksam, dann die wichtigsten Wohnblogs. Und nun kann man das gute Stück im Museumsshop des Londoner Victoria & Albert Museums erwerben – im Online-Regal steht sie neben der Duftkerze „Bron-Yr- Aur“. Diese riecht nicht nach London und den Beatles, sondern nach der gleichnamigen, alten Hütte mitten im walisischen Nie- mandsland, in der die Jungs von Led Zeppelin ihre Songs komponiert haben. Und nach nassen Steinen, Moos und Gras.

Auf der Fensterbank wachsen Lavendelfelder. Und Kindheitserinnerungen

Wie es aussieht, sind Duftkerzen zu dem Lifestyle-Accessoire überhaupt geworden, manche Promis können scheinbar gar nicht mehr ohne sie leben. Der US-Schauspieler Johnny Depp zündet sie bei seinen Filmdrehs angeblich immer und überall an, der Kreativdirektor des Modehauses Mugler, Nicola Formichetti, parfümiert seine Hotelzimmer auf diese Weise. Aber möchte man wirklich, dass das eigene Zuhause nach nassem Cottage riecht? Oder nach hawaiianischen Riesenwellen, dank der „Surf Wax“-Kerze von Ted Shred’s? Oder nach einem Sonntag im Freibad – wie die Kerze „Freibad ’76“ vom Berliner Architekturbüro The Fundamental Group?

Solche extravaganten „Fantasiedüfte“, wie das Genre genannt wird, haben dem Markt für Raumdüfte in den letzten Jahren endgültig Traumumsätze beschert. Rund die Hälfte aller verkauften „Home Fragrances“ sind heute Duftkerzen, schätzt Celso Fadelli, Geschäftsführer von Intertrade Europe, einer der führenden Vertriebsagenturen für Nischenparfüms und Duftkerzen. Wo früher ein Blütenblätter-Potpourri auf der Fensterbank vor sich hin gammelte, blühen jetzt ganze Feigenbäume und Rosenbeete – wenn man die Augen schließt. Oder aber das Apartment am Münchner Ring wird zu einem zart duftenden Lavendelfeld irgendwo in der Provence.

Eigenheim-Beduftung hatte in den 70er- und 80er-Jahren noch eine esoterische Note. Mit den Nullerjahren entdeckten Hersteller dann eine Marktnische. Die einen sprachen die Plastikdinger aus der Werbung an, in stilvolleren Wohnungen stand die Lampe Berger, jenes flammenlose Glasding, das dank Katalyse-Technik alle üblen Gerüche zerschoss und die Räume mit einem auch nicht wenig penetranten Absinth-Odeur einnebelte. Doch es war die Firma Diptyque, die als erste „das Potenzial für parfümiertes Wachs erkannt hat“, erinnert sich Celso Fadelli. Das war 1963. Heute verkauft der französische Hersteller eine Million Kerzen im Jahr. Für alle, die es jetzt schon vor nadelnden Weihnachtsbäumen graut: Die Duftkerze „Sapin Doré“ erinnert optisch an eine Christbaumkugel und duftet nach Tannennadeln.

In Europa sind laut National Candle Association 20 Prozent aller verkauften Kerzen parfümiert – in Amerika sind es mehr als dreimal so viel. Doch hierzulande steigen die Absätze der exotischen Kerzen – und das bei Preisen von bis zu 300 Euro pro Stück. Dior, Comme des Garçons, Hermès: Sie alle haben aus ihren Parfums längst Duftkerzen gegossen. Klassische Parfümhäuser wie Annick Goutal sowieso. Und sogar Branchenfremdlinge wie die Pariser Edelbäckerei Ladurée bringen Luxuskerzen auf den Markt.

Sind Duftkerzen vielleicht schon die neuen Parfums? „So weit ist es noch nicht“, meint Julien Pruvost, CEO von Cire Trudon, eine der ältesten Kerzenmanufaktu- ren der Welt, deren Produkte unter anderem über die Onlineboutique Netaporter.com vertrieben werden. Der Webshop hat aktuell acht Modelle zwischen 60 und 121 Euro im Angebot, drei davon sehen aus wie normale Kerzen. „Duftkerzen sind noch immer Saisonartikel“, sagt Julien Pruvost, „und für die meisten Firmen einfach eine weitere Möglichkeit zu wachsen.“

Weil uns die Realität gerade offenbar gewaltig stinkt, flüchten wir immer öfter unter eine schützende Duftglocke der Nostalgie. „Duftkerzen haben eine Kraft, die keine anderen Gestaltungsmedien haben“, findet Margo Breznik. „Man ist sofort zurückkatapultiert in eine bestimmte Erinnerung.“ Und so soll aus der Berliner Plattenbauwohnung auf einmal der Spiegelsaal von Versailles werden. Am besten zu Zeiten Louis XIV., klar. Kein Problem; das Traditionshaus Cire Trudon hat da was. „Solis Rex“ riecht nach der Rinde von Pinienbäumen, grünen Blättern und Bienenwachs. Oder soll es doch lieber eine altehrwürdige Bibliothek sein? Der schwedische Parfüm-Nerd Ben Gorham hat für Bücherwürmer die Kerze „Bibliothèque“ kreiert.

Besonders beliebt sind Düfte, die Kindheitserinnerungen reaktivieren. „Die Amerikaner lieben süße Düfte, die reich an Vanille sind, weil sie als Kind oft Zeit mit der Mutter beim Backen verbracht haben“, weiß Celso Fadelli. Und die Europäer? „Wir schätzen kräftige Holznoten oder Blütendüfte. Das erinnert uns an unsere Kindheit in der Natur.“ Oder eben daran, wie wir sie uns immer gewünscht hätten. Weil die modernen Duftkerzen nicht nur außergewöhnlich riechen, sondern auch besonders gut aussehen, sind sie gerade überall echte Dauerbrenner. Es gibt keinen halbwegs gut sortierten Modeladen, der sie nicht verkauft. Wer will schon diese seltsamen, in Duftöl getränkten Holzstäbchen, die beim Mittelklasse-Italiener in trüben Glasflaschen auf der Toilette herumstehen, neben den Biskuit-Tierchen von Nymphenburg im Wohnzimmer aufstellen? Eben. Und die im Art-déco-Stil bemalten Porzellandosen von Fornasetti machen sich auch gut auf dem Fifties-Sideboard.

Die Firma Diptyque verkauft eine Million Stück pro Jahr

Wer sich noch nicht so gut auskennt: Die Diptyque-Gläser mit ihren tanzenden Buchstaben sind Klassiker und Favoriten unter Modemenschen. Wie sonst ist es zu erklären, dass auf Einrichtungsblogs massenweise Tipps gegeben werden, was man mit den Gefäßen alles machen kann, sobald die Kerze einmal abgebrannt ist? Ja, auch als Blumentopf für Orchideen sind sie geeignet. Das Logo findet sich sogar auf T-Shirts wieder: Mit dem Aufdruck „L’Amour Toujours“ macht der Berliner Designer Konrath von Reumont der Kerze eine Liebeserklärung.

Die Duftkerze ist eben ein dolles Teil; ein vergleichsweise preiswerter, hübscher Mini-Kamin, der uns das von der EU verordnete, kalte Energiesparlicht vergessen lässt. Die Kerze „Art Maniac“ von „The Hype Noses“ etwa duftet nach in Alkohol getränkter Vanille und brennt nicht mit einem einfachen Baumwolldocht, sondern mit einem hauchdünnen Holzscheit. Der Effekt: Sie knistert so schön wie ein Lagerfeuer. Fehlen nur noch eine Gitarre und ein paar gute, alte Beatles-Songs.

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