Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung

Januar 2013

Von Mann zu Mann

„Die ganzen Modeleute waren überrascht, dass so jemand wie wir Kreativchefs eines französischen Traditionshauses werden. Ich kann’s aber verstehen, schließlich sind wir zwei junge Amerikaner, die keine klassische Ausbildung im Modedesign haben. Die meisten kennen Carol und mich eben nur von unserem Concept Store Opening Ceremony, den wir 2002 in New York eröffnet haben.

Was viele unserer Kritiker nicht auf dem Schirm haben: Wir haben dort von Anfang an unser eigenes Label verkauft. Meine Mutter, sie ist ausgebildete Schneiderin, hat uns damals unterstützt. Aber vom Design bis zur Produktion ist jedes Teil durch unsere Hände gelaufen. Außerdem hat sich das Business gründlich verändert, seit Kenzo Takada in den siebziger Jahren sein Label in Paris gegründet hat. Klar, bei Mode geht es immer noch um Phantasie. Um etwas, das Begehren weckt. Aber das Design darf nicht mehr so abgehoben sein wie früher. Es muss in unsere Realität passen. Ich möchte, dass die Leute in ein Kenzo-Geschäft kommen, etwas anprobieren und damit sofort auf die Straße gehen können, ohne verkleidet auszusehen. Es geht längst nicht mehr darum, einen „Total Look“ zu propagieren. Das ist so gar nicht 2013.

Es geht bei Mode inzwischen um Persönlichkeit. Schauen Sie sich all diese Street-Styleblogs an. Es gibt Hunderte davon! Und warum? Weil sich die Leute danach sehnen, individuelle Looks an echten Menschen zu sehen. Und diese Erfahrung, High Fashion für die Straße herunterzubrechen, bringen wir mit. Als wir vor zwei Jahren das Angebot bekamen, Kenzo zu erneuern,war für uns sofort klar, dass die Marke Streetcredibility braucht. Als typisch kalifornische Vorstadtkids sind Carol und ich ständig mit Streetwear konfrontiert gewesen. Viele behaupten ja, Streetwear sei tot. Was vollkommener Quatsch ist: es gibt gerade nichts, was neuer und spannender ist. Warum sonst reden alle wieder von dem New Yorker Skaterlabel Supreme, obwohl es das schon seit 20 Jahren gibt? Egal, ob in New York, Los Angeles oder London: junge Männer tragen Käppis, Sneakers und Sweatshirts. Der Preppy-Look, dieser Ostküsten-Stil mit Seersucker-Shorts und Bootsschuhen, gehört der Vergangenheit an. Männer haben wieder Spaß daran, zu experimentieren.

Unsere Idee von Mode widerspricht dem typischen Kenzo-Schick jedoch ganz und gar nicht. Als Kenzo damals nach Paris kam, hat er ja auch seine eigene Vergangenheit in das Label gebracht. Kimonos waren aus feinem Tweed gearbeitet und Sarongs aus transparentem Chiffon. Auf ähnliche Weise bringen wir jetzt kalifornische Popkultur in die Mode von Kenzo. Die Herausforderung von zeitgemäßem Design ist es doch, Dinge in einen neuen Zusammenhang zu bringen. Zum Kenzo-Klassiker, dem messerscharf geschnittenen Anzug, kombinieren wir etwa Skaterschuhe von Vans. Natürlich respektieren wir dabei die DNA des Labels. Die Accessoires sind mit bunten Dschungel-Prints bedruckt, ganz so wie einst die erste Kenzo Jap-Boutique in der Galerie Vivienne. Und so wie damals bei Kenzo sind auch unsere Designs oft unerwartet. Eine Jacke konzipieren wir etwa so, dass ein Mann sie tagsüber ins Büro anziehen kann. Das Unterteil lässt sich abknöpfen. So wird ein schickes Blouson daraus, das er abends zur Dinnerparty anziehen kann.

Issey Miyake hat einmal über die Mode von Kenzo gesagt, sie mache Menschen glücklich. Humor ist etwas, das nicht nur der Männermode, sondern der Mode insgesamt fehlt. Darum hatten wir die Idee, das Firmenlogo ziemlich plakativ auf knallbunte Sweatshirts zu drucken; früher wurde es nur bei den Etiketten genutzt. Ich aber dachte, wow, das ist so symmetrisch, so verspielt, so sexy, das muss an die Oberfläche! Wir konnten ja nicht ahnen, dass wir so einen Hype auslösen würden. Aber ganz ehrlich: wenn der wieder vorbei ist, bleibt ein Look, der für Männer schon immer am besten funktioniert hat. Jeans und T-Shirt.“

 

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