Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung Magazin – Stil Leben

März 2013

„Was mich stört, ist Nachlässigkeit“

Frau Halbreich, was ist schlechter für Ihr Geschäft als Einkaufsberaterin: wenn sich die beste Freundin ein­mischt oder der Ehemann? Besten Freundinnen würde ich am liebs­ten den Hals umdrehen. Die schauen sich ihre Freundin in einem Outfit an und stellen sich dann selbst darin vor. Sie bewerten alles nach ihrem eigenen Geschmack, sind niemals objektiv, sondern immer überkritisch. Das gilt meistens übri­gens auch für die Kombination Mutter und Tochter.

Und der Ehemann? Mit dem habe ich für gewöhnlich keine Probleme, den mag ich. Ihm nehme ich ab, was er sagt. Er ist ehrlich. Wenn der Mann sagt, dass ihm seine Frau in Gelb nicht gefällt, heißt das, dass er sie niemals in etwas Gelbem ausführen würde. Warum sollte er auch?

Ihr Freund, der Modedesigner Isaac Mizrahi, erzählt in dem Dokumentarfilm Scatter My Ashes at Bergdorf’s, wie Sie zu einer zögernden Kundin sagen: »Kaufen Sie das! Es ist zwar nicht optimal, aber weniger schrecklich als das Outfit, in dem Sie gekommen sind.« Sind Sie immer so schonungslos ehrlich? Ich bin nicht schonungslos, überhaupt nicht. Nur ehrlich. Es ist leicht, jemandem ein Zehntausend­-Dollar-­Kleid anzudrehen und zu denken: Ich gehe damit ja nicht nach Hause. So etwas endet meist im Drama, weil die Kundin später doch feststellt, dass es ein Fehlkauf war. Einzelhandel ist, verzeihen Sie meine Ausdrucks­ weise, wie Prostitution. Wer auf Kommission arbeitet, hat die Dollarzeichen förmlich in den Augen. Zum Glück bin ich keine »commission lady«, wie wir hier sagen. Ich beziehe ein festes Gehalt. Das gibt mir die Freiheit, ehrlich zu sein. Ich erinnere mich, wie eine Verkäuferin mal einer sehr, sehr wohlhabenden Kundin regelrecht nachgestellt hat. Sie zeigte ein Kleidungs­stück und sagte: »Schauen Sie mal, wie hübsch. Es ist auch gar nicht teuer.« Das finde ich geschmacklos. Wie kann sie ent­scheiden, dass 500 Dollar nicht viel für jemanden ist? Mode zu verkaufen, ist knifflig.

Aber wieso ist Mode so ein schwieriges Thema? Weil der eige­ne Geschmack immer wieder die Objektivität ausblendet? Natürlich. Die meisten Kundinnen haben zum Beispiel kein Gefühl für ihre Größe. Das erlebe ich immer wieder. Das Wich­tigste in meinem Job ist, sofort einschätzen zu können, welche Konfektionsgröße jemand hat. Passt etwas nicht, sind Frauen gleich frustriert. Aber glauben Sie mir, wenn ich merke, dass ein Teil nicht sitzt, habe ich eine Kundin schneller aus einem Kleid, als sich ein Zipper hochziehen lässt. Und wenn es doch mal ein bisschen kneift, ist natürlich das Kleidungsstück verschnitten.

Ihre kleinen Tricks scheinen zu funktionieren. Stimmt es, dass Sie drei Millionen Dollar Umsatz im Jahr machen? Das kommt in etwa hin. Ich glaube, ich rangiere hier schon seit Jahren irgendwo in den Top Ten. Nur die Schuhverkäufer schneiden besser ab. Bei denen geht es an einem normalen Tag zu wie in einem Süßigkeitenladen! Schuhe und Accessoires sind die wahren Cash Cows.

Alle reden vom Boom der Onlineshops und von der Krise der traditionellen Modegeschäfte. Merken Sie das auch? Ich bin nicht online und weiß auch gar nicht, wie das funktio­niert. Ich habe noch nicht einmal einen Computer. Ich kenne diese Welt nicht. Ich sehe aber jeden Tag die ganzen Kartons in unserem Gebäude, die online bestellt wurden und wieder zu­rückgehen. Der UPS­Mann regt sich jeden Tag aufs Neue auf. Der Arme muss bergeweise Pakete durch die Gegend schleppen. Ich verstehe diese Mentalität nicht. Wer kauft ein Tausend­ Dollar­-Kleid, ohne es vorher anprobiert zu haben? Meine Kun­dinnen ticken da anders. Sie kommen extra aus Boston und Washington zu mir. Weil Bergdorf Goodman einzigartig ist. Dieses Luxuskaufhaus gibt es nur ein Mal auf der Welt, wir sind kein Global Player wie die anderen großen Kaufhäuser, wie Barneys oder Saks. Die Leute haben das Gefühl, hier etwas ganz Besonderes zu erleben.

Bergdorf Goodman steht mitten in Manhattan. Haben Sie sich in den vergangenen Jahren wegen der Finanzkrise Sorgen um Ihre Branche gemacht? Ach was. Wissen Sie, wie viele Finanzkrisen ich schon erlebt und überlebt habe? Luxusmode ist nie spürbar von Krisen be­troffen. Leute mit einem sehr hohen Vermögen geben auch in Krisenzeiten ihr Geld für kostspielige Dinge aus. Das ist meine Erfahrung. Ja, die letzte Finanzkrise ließ uns das erste Mal in der Geschichte von Bergdorf Goodman eine Verunsicherung der Kunden spüren. Viele Kollegen hatten Umsatzprobleme. Bei mir lief es aber auch da gut. Weil ich eine persönliche Beziehung zu meinen Kunden habe. Personal Shopping ist wie Küchenpsy­chologie. Viele suchen mich auf, um über ihre Eheprobleme zu sprechen, oder weil sie sich Sorgen um ihre Kinder machen. Solche Beziehungen überleben jede Finanzkrise.

Wie lange kennen Sie Ihre Stammkundinnen? Die meisten kommen seit Jahrzehnten zu mir. Um manche Fami­lien kümmere ich mich in der dritten Generation. Meine wich­tigste Regel: Ich bediene niemals die Geliebte oder Frauen aus zweiter Ehe, wenn schon die erste Ehefrau meine Kundin war. Ich habe allerdings drei Witwen des gleichen Manns. Das geht.

Sie machen seit einem halben Jahrhundert Ihren Job. Fühlen Sie sich als Exotin im sonst schnelllebigen Mode­-Business? So lang ist es noch nicht ganz! Ich arbeite seit 1976 für Bergdorf. Mein Freund, der 2004 gestorbene Modedesigner Geoffrey Beene, bekam damals einen eigenen Shop auf der zweiten Etage, dort, wo heute Chanel ist. Er war auf der Suche nach einer Verkäuferin. Das wurde dann mein Job, obwohl ich noch nie zuvor eine Kasse bedient hatte. Ich hatte einen Mann, meine Kinder, aber keine Ausbildung. Das Team hatte wirklich keine leichte Zeit mit mir. Ich habe am Anfang überhaupt keinen Umsatz gemacht.

Ihr Arbeitgeber hat Sie trotzdem behalten. Irgendetwas haben Sie wohl richtig gemacht. Wahrscheinlich, weil ich mich hübsch gekleidet habe und jeden Tag pünktlich war. Ich habe mich sehr liebevoll und erfolgreich um die Kundinnen gekümmert, die anderen Verkäuferinnen um die Kasse. Niemand verstand, was ich da eigentlich machte. So etwas wie Personal Shopping kannte man damals bei Berg­dorf noch nicht. Das habe ich erst etabliert.

Wie kümmert man sich denn »liebevoll« um Upper ­East­ Side-­Ladys? Man sagt ihnen nach, dass sie sehr anstrengend sein können.
Meine Kundinnen sind alle sehr aktive, engagierte und intelli­gente Frauen. So viel kann ich verraten. Wenn ich intellektuell nicht mit jemandem auf einem Level bin, wird es schwierig. Ich unterhalte mich gern über andere Dinge als Mode. Das ist sonst so eindimensional. Ich finde es großartig, wenn ich noch etwas dazulernen kann. Viele meiner Kundinnen haben auch gar keine Lust zu shoppen, sondern brauchen für ein be­ stimmtes Event etwas. Andere kommen zu mir, weil sie keine Zeit haben, sich mit Mode auseinanderzusetzen. Frauen aus der Wirtschaft, der Politik oder dem Showbusiness.

Gehen Sie mit Prominenten anders um als mit Ihren Stammkundinnen?
Nein. Aber die wenigsten aus dem Showbusiness kommen noch persönlich. Inzwischen hat ja jeder einen eigenen Stylisten. Ich arbeite eng mit TV­ und Filmproduzenten zusammen und habe Serien wie Sex And The City oder Gossip Girl mit ausgestat­ tet. Woody Allen oder Meryl Streep waren für Filmkostüme schon mal bei mir. Aber bevor Sie mich fragen, wie diese Men­schen als Kunden sind: Sie standen alle schon in Unterwäsche vor mir. Mir macht so schnell keiner etwas vor.

Nach Ihrem Auftritt in dem Film Scatter My Ashes At Bergdorf’s sind Sie selbst so etwas wie ein Star. Überrascht Sie die späte Aufmerksamkeit? Das ist total verrückt! Irgendein Fan hat mir sogar eine eigene Facebook­-Seite gemacht. Unglaublich, oder? Ich hatte gar keine Ahnung, was das überhaupt ist. Meine Assistentin hat mich dann aufgeklärt. Fast jeden Tag kommen Leute hierher, die mich an­starren oder ein Autogramm wollen. Ich verstehe die Aufregung ehrlich gesagt gar nicht. Gerade gestern hatte ich eine Kundin, die mir erzählte, sie sei extra aus dem Silicon Valley angereist. Aus dem Nichts sagte sie: »Lassen Sie uns über Farbe sprechen!« Als sei ich ihre Lehrerin. Sie hatte noch nicht mal etwas anpro­biert. Es kommt nicht oft vor, aber da war ich sprachlos.

Die HBO­Produzentin und Erfinderin der Serie Girls, Lena Dunham, plant eine Serie mit Ihnen. Machen Sie mit? Demnächst erscheinen meine Memoiren. Daraus will Lena einen Stoff für eine fiktionale Geschichte entwickeln. Fragen Sie mich nicht, wie sie ausgerechnet auf mich gekommen ist. Sie stand plötzlich in meinem Büro und wollte mich kennenlernen. Sie stellte sich vor und sagte, dass sie für HBO arbeite. Ich wusste nicht, wer sie ist. Ich habe ja keinen Fernseher und kenne ihre Serie auch nicht. Wir haben uns aber sehr gut verstanden. Sie hat mir sogar ein Freundschaftsarmband geschenkt. Das macht man jetzt offenbar wieder.

Wenn Sie 2013 aus dem Bürofenster auf die Fifth Avenue schauen: Gefällt Ihnen, was die Menschen tragen? Überhaupt nicht. Die Stadt scheint ein einziger Sportverein zu sein. Es laufen alle nur noch in Sportklamotten durch die Ge­gend. Dabei machen sie nicht mal Sport. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich blicke nicht zurück und sage: Früher war alles besser. Im Gegenteil. Ich begrüße es, dass wir uns bequemer anziehen dürfen. Was mich stört, ist diese Nachlässigkeit, dass sich die Leute keine Mühe mehr geben. Schauen Sie sich das Elend in Flugzeugen an! Überall Jogginghosen und ausge­latschte Slipper, als säße man zu Hause auf der Couch. Früher hat man sich auf Reisen chic gemacht. Da trugen die Frauen Kleider und Seidenhandschuhe. Aber ich habe das Gefühl, dass das wieder zurückkommt. Frauen wünschen sich wieder mehr Tailoring. Ich erkenne das auch an meiner Etage ganz gut. Hier hängt von Céline über Rick Owens bis Haider Ackermann alles, was High Fashion ist. Und die Teile mit einer Betonung auf Couture sind gerade sehr gefragt.

Die Webseite »Advanced Style« ist so etwas wie die Best­-Ager­ Version des Modeblogs »The Sartorialist«. Der Unterschied: Man sieht dort zur Abwechslung individuelle und echt wilde Mode. Findet der Mensch ab einem gewissen Alter leichter seinen Stil? Ja, weil wir niemandem mehr etwas beweisen müssen. Wir sind entspannter als die jungen Leute. Die sind so bemüht, gut aus­zusehen und zu gefallen. Für die Kids ist Mode wie Fast Food. Jede Woche ein neuer Trend. Mit Läden wie H&M und Zara ist es zur Gewohnheit geworden, ständig anders auszusehen. Meine Schuhe trage ich seit zwölf Jahren – und ob Sie’s glauben oder nicht: Sie funktionieren heute immer noch.

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