Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung Magazin – Stil Leben

Juni 2014

Aus alt mach alt

Wenn es um die Welt von früher geht, muss bei Ramdane Touhami jedes Detail stimmen. »Schauen Sie!«, ruft er und zeigt auf die Bodenfliesen aus verblasstem Mint, die in seinem Kosmetikshop verlegt sind: »Die haben wir nach Vorlage von alten Jagdschlössern aus dem 18. Jahrhundert brennen lassen. Die Holzbalken an der Decke sind aus derselben Zeit. Auch sie sind angefertigt.« Die Eichenregale, die Holzfenster und Heizkörper: alles selbst entworfen. Und nichts davon ist so alt, wie es scheint.

Das gilt auch für all das, was man im Beautyshop »L’Officine Universelle Buly« kaufen kann, den Touhami dieses Jahr auf der Rue Bonaparte in Saint Germain eröffnet hat. Seither stehen japanische Touristen, benachbarte Galeristen und Modeleute vor dem Laden an. Außer den ätherischen Ölen, die in dicken Gläsern in den Holzregalen stehen, suchen sie hier vor allem hautberuhigende Handcremes, PH-neutrale Seifen und Gesichtswasser.

Vorbild für das Label ist Jean-Vincent Bully. Der Parfümeur, mit einem l mehr geschrieben, war berühmt für sein »Vinaigre de Toilette«. Das Reinigungs- und Pflegetonikum aus Essig stand im 19. Jahrhundert in jedem Badezimmer der Bourgeoisie und verschwand erst 1870, als die letzte Bully-Apotheke ihre Türen schloss. »Von dem Zeug würden Sie heute Hautausschlag bekommen«, sagt Touhami und schiebt ein ver- ächtliches Schnalzen nach: »Die kosmetischen Standards waren damals, pardon, Dreck.«

Für ihn ist die Marke bloß eine schöne Verpackung, die Nostalgie wecken soll – und dabei authentisch ist. Bei Buly sind die Produkte so entworfen, wie es sich gerade viele Kunden als Antwort auf allzu medizinisch-clean verpackte Cremes und Gels zu wünschen scheinen: royal-blaue Tuben, bedruckt mit gezeichneten Händen und Vignetten wie auf einem alten franzö- sischen Familienwappen. Das De- sign soll die weitverbreitete Idee transportieren, dass Dinge aus vorindustrieller Zeit einfach besser, weil handgemacht waren.

»Viele Kräuter für unsere Öle sind von Hand gesammelt. Den Rest übernehmen aber dann Maschinen«, sagt Touhami. Er überträgt wie kein anderer vergangene Luxusmarken präzise in unsere Zeit: Vor Buly hat Ramdane Touhami schon die Kerzenmanufaktur Cire Trudon wiederbelebt, deren Duftkerzen heute in Luxuskaufhäusern wie Bergdorf Goodman stehen. Als er die Firma verließ, suchte er eine neue Beauty-Legende und durchforstete alte Apotheken und stillgelegte Krankenhäuser – bis er Bully fand. Als Antithese zum globalisierten Beautygeschäft wird es alle seine Produkte aber nur im Laden in Paris geben. »Wir mögen die Idee, dass man für unsere Sachen reisen muss«, sagt Touhami. »Bei den Millionen von Besuchern, die jedes Jahr nach Paris kom- men, müssen wir uns wohl keine Sorgen machen.«

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