Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung

Juli 2012

„Couture ist
nicht mehr
zeitgemäß“

Wenn man Modemädchen heute fragt, für wen sie schwärmen, kichern sie und sagen dann: Guillaume Henry. Wer? Nun – der, der binnen zwei Saisons das Label Carven zu dem Gesprächsthema in der Branche gemacht hat. Seine verspielten, adretten Kleidchen sind wie maßgeschneidert für Alexa Chung, und alle, die der britischen Stilikone mit den Streichholzbeinen nacheifern. Heute findet man Carven in mehr als 500 Geschäften. Als Henry, geboren in der Nähe von Dijon, das Modehaus 2009 nach Zwischenstopps bei Givenchy und PauleKa übernommen hatte, konnte man Carven nirgendwo mehr kaufen. Denn mit dem Siegeszug der Prêt-à-Porter-Mode stand das Couturehaus 1960 vor dem Aus. Im Pariser Hauptquartier ist davon nichts mehr zu spüren. Der Designer ist gerade vom Luxusurlaub in Marokko zurück. Überall verteilt stehen hübsche Kartons in blassem Mint von der Macarons- Bäckerei Ladurée, die ein paar Etagen tiefer liegt. Nicht weniger hübsch und in Pastelltönen gekleidet: die „Carven-Girls“, wie Henry seineMitarbeiterinnen nennt.

Guillaume Henry, als man Sie 2009 anrief und Ihnen den Job als Kreativchef von Carven anbot, haben Sie da nicht erst mal gedacht: wer bitte ist Carven? Natürlich nicht! Die Marke hat hier in Frankreich eine lange Tradition, sie gehört fest zur Kultur. Ich habe Carmen de Tommaso, die „Maison Carven“ 1945 gegründet hat, sogar mal persönlich kennengelernt. Das war 2009, an ihrem einhundertsten Geburtstag. Inzwischen habe ich vor meinem Büro ein Porträt von ihr hängen. Sie beobachtet also ganz genau, was ich hier treibe.

Carven war früher Couture, die Hollywood- Stars und Prinzessinnen trugen; heute entwerfen Sie tragbare Prêt-à-Porter- Mode für, na ja, junge Dinger. Ist Madame einverstanden, was Sie aus dem Label gemacht haben? Klar. Carmen de Tommaso hat schon damals Mode für moderne Frauen gemacht. Für ihre Couturekleider beispielsweise hat sie ganz gewöhnliche Baumwolle verwendet, als das noch verpönt war. Sie hätte bestimmt inzwischen auch Ready-to- Wear gemacht. Couture entspringt dem Geist längst vergangener Zeiten. Aber wir haben uns verändert,wir wollen heute Mode kaufen, die mit der Wirklichkeit zu tun hat. Wenn ich entwerfe, habe ich dabei meine Freunde im Kopf, deren Freunde, meine Familie. Und als ich nach ihren Bedürfnissen fragte, wusste ich: Couture ist nicht mehr zeitgemäß.

Dabei träumt doch gerade jede Frau davon, so ein Blümchen-Kleid von Valentino Couture zu besitzen… Ich behaupte ja auch nicht, dass Couture in ihrer heutigen Form modisch nicht mehr relevant ist. Aber mit ihrer ursprünglichen Bedeutung hat sie nichts mehr zu tun. Heute denken wir an pompöse Satinkleider, die man in die Oper oder auf dem roten Teppich anzieht. Aber in den 50er-Jahren war Couture etwas, das speziell angefertigt wurde, für alle möglichen Anlässe. Sogar für Tennisspiele. Es gab Outfits für den Salon, für ein Picknick oder eine Abendveranstaltung. Einfach für den Alltag. In diesem Sinne verstehe ich Couture. Das kann ein einfaches T-Shirt sein, das aus einem besonderen Stoff und auf besondere Weise gefertigt ist. In gewisser Weise hat meine Mode einen Couture-Touch, nur ist sie nicht so kostspielig. Die Frauen sehen diese schönen Kleider in den Magazinen, aber am Ende des Tages sind sie unerschwinglich und dann gehen sie zu denH&Ms und Zaras dieser Welt. Das wollte ich ändern.

600 Euro für ein Carven-Kleid sind aber immer noch deutlich mehr als 60 Euro für eines von Zara… Kleider gibt es bei uns sogar schon ab 300 Euro! Was sicherlich immer noch teurer ist, aber dafür bekommen unsere Kundinnen Mode, die sie nicht kopiert irgendwo anders finden. Und genau darin sehe ich die Aufgabe eines Designers: einen innovativen und unverwechselbaren Look zu kreieren und keine It-Pieces, bei denen es bloß ums Image geht. Dann besteht erst gar kein Anreiz, diese Mode für den Massenmarkt zu kopieren.

Masse, gutes Stichwort: Frauen werden gerade massenweise hysterisch, wenn Sie Ihre Entwürfe sehen. Eines Ihrer Kleider, aus roter Seide, war innerhalb von 24 Stunden ausverkauft. Wie machen Sie das? Das ist wohl die Mischung aus Kreativität und Tragbarkeit… Mehr nicht.

Tragbarkeit – ist das nicht das schlimmste Schimpfwort in Ihrer Branche? Für mich überhaupt nicht. Bei Givenchy, wo ich damals Designer war, ging es immer mehr um das Image als um die tatsächliche Kleidung. Alles ist auf einen Kunden zugeschnitten, der sehr modeaffin und immer auf der Suche nach dem neusten Trend ist. Ich respektiere es, wenn ein Label in diese Richtung geht und mit diesem Image dann hauptsächlich Parfums und Handtaschen verkauft. Aber mir ist wichtiger, was die Leute wirklich anziehen möchten. Ich höre mir an, was sich meine Mutter zum Anziehen wünscht, wenn sie zu einer Hochzeit geht oder was meine Freunde tragen wollen, wenn sie bei einer Party sexy aussehen wollen. Ich entwerfe Mode für echte Frauen, weil ich sie kenne.

Eine von ihnen ist Moderatorin und Modeblogliebling Alexa Chung. Sie ist, pardon, fast unecht hübsch. Oh ja, Alexa . . . sie hat eine tolle Ausstrahlung und einen wunderbaren Stil. Aber um ehrlich zu sein: Ein Mädchen wie das deutsche Model Antonia Wesseloh finde ich noch spannender. Sie hat abstehende Ohren, einen verkniffenen Blick, entspricht also überhaupt nicht unserer gängigen Vorstellung von Schönheit. Aber sie sieht irgendwie clever aus. Das finde ich attraktiv.

Daher also der Carven-typische Look: Das Elite-Unimädchen von der Ostküste verbringt einen Sommer in Paris – und voilà: Sein Dresscode ist auf einmal viel frivoler. Die Beschreibung gefällt mir! Stimmt schon, ich liebe die amerikanischen Marken Brooks Brothers und Ralph Lauren. Aber ich kopiere deren Preppy-Look nicht einfach so, sondern verwandele Chinohosen und Club-Blazer in etwas, das frischer ist. Das habe ich mir bei denNew Yorkerinnen abgeschaut. Dort sieht man Frauen in Cocktailkleidern und Stilettopumps, darüber wird einfach ein Trenchcoat geworfen. Mir gefällt das Spiel mit verschiedenen Stilen.

In Ihrer aktuellen Sommerkollektion zitieren Sie sogar die bayerische Tracht, in Form von sexy Ledershorts und Lederminikleidern mit einem Harnisch. Die sind wirklich übersexy. Den Look habe ich mir von einer Mitarbeiterin bei uns im Atelier abgeguckt. Sie trägt original . . . wie sagt man noch dazu?

Was meinen Sie? Dirndl? Lederhosn? Ja, Lederhosen! Sie trägt sie mit zwölf Zentimeter hohen Pumps und einem Tanktop. Das ist sozusagen die Luxusversion davon. Mir gefällt daran, dass das was von einer Uniform hat. Uniformen sind toll. Sie haben etwas Aggressives und Rigides. Es ist eine Herausforderung, daraus etwas so Sinnliches wie diese Shorts mit Ledergurt zu machen. Ich finde den Look ja sogar ein bisschen masochistisch. Das gefällt mir.

Wie kommt’s, dass Sie selber meistens Chinos und weiße T-Shirts tragen, die mit Ihren Initialen bestickt ist? Diese T-Shirts habe ich mal nach meiner Modenschau von dem französischen Label Maison Labiche geschenkt bekommen. Ich hasse es, mir Gedanken um meine Kleidung zu machen. Daher entwerfe ich für unsere Männerlinie, die wir vor zwei Saisons eingeführt haben, auch nicht für mich persönlich. Das wäre dann superlangweilig. Ich bin überhaupt kein Carven-Typ. Ich mag zwar Jungs in kurzen Lederhosen, aber ich könnte die niemals tragen!

Madame de Tommaso hat in den siebziger Jahren die Uniformen für die Crew der Air France entworfen. Inzwischen trägt man dort Lacroix. Hätten Sie Lust, den Look zu erneuern? Unbedingt! Das Spannende an den Uniformen ist ja, dass man sie als Passagier von vorne und von hinten sieht. Ich finde, besonders bei der Rückseite gibt es noch viel Spielraum für ein interessanteres Design.

Stresst Sie es eigentlich, von Modeexperten als neuer Yves Saint Laurent gehandelt zu werden? Ach, das ist doch nur so dahergesagt. Bei mir geht das ins eine Ohr rein und zum anderen wieder raus. Das muss es, andernfalls wäre der Druck zu hoch. Immerhin hat es 60 Jahre gedauert, bis Saint Laurent zu Saint Laurent wurde. Wie soll ich da nach nur ein paar Saisons mithalten?

Sie haben inzwischen so ein Standing, dass man es Ihnen noch nicht einmal übel nimmt,wenn Ihre Show mit mehrstündiger Verspätung beginnt. Sie spielen auf die Präsentation im vergangenen Herbst an, oder? Nun, als bei der Balenciaga-Show zuvor die Bänke in der ersten Reihe zusammengekracht sind und die Modenschau nicht pünktlich starten konnte, waren wir mit unserem Ablauf hoffnungslos verspätet. Für Nicolas Ghesquière hat es mir leid getan.

…den Chefdesigner von Balenciaga… Ja. Aber wir haben es gelassen genommen. Wir haben fünf Monate sehr hart an der Kollektion gearbeitet. Ich denke, dann ist es in Ordnung, wenn unsere Gäste mal ein paar Minuten warten. Oder eben auch ein paar Stunden.

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