Nils Binnberg
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GQ

Oktober 2011

Pet Shopping Boys

Man könnte sagen: Nippes. Doch das wäre maßlos untertrieben. Wenn schon, dann: Luxusnippes. Die Pariser Wohnung von Michel Gaubert und Steven Brinke quillt über davon, wobei quillen auch schon wieder nicht ganz stimmt. Wohlsortiert ist richtig. Auf dem Kaminsims im Esszimmer zum Beispiel stehen nicht einfach nur ein paar Hippo-, Rhino- und Elefantenfiguren genau ausgerichtet. Nein, sie sind aus der Biskuitporzellanserie von Nymphenburg. Das klingt nicht nur kostspielig, sondern ist es auch.

Mitgebracht haben Gaubert und Brinke sie – wie all die anderen Devotionalien in ihrer Altbauwohnung – von ihren Trips in die Fashionstädte dieser Welt. Von ihren Geschäftsreisen. Gaubert und Brinke sind, so hat ihr Freund karl Lagerfeld sie getauft, Soundstylisten. Man könnte sagen: Sie legen bei Modeschauen Platten auf. Doch auch das wäre maßlos untertrieben. Sonst würden nicht Designer auf der ganzen Welt die beiden überallhin einfliegen lassen.

Und so hat jedes Stück in der Wohnung seine Geschichte, die nicht vom Stück selbst handelt – sondern davon, wo es nach welchem Job erstanden wurde. Die mintfarbene Vase, die das Londoner Design- und Architekturbüro Barber Osgerby für die italienische Edelmanufaktur Venini entwarf: zwischen DJ-Sets für Jil Sander und Gucci in Mailand gekauft. Die Warhol-Barbiepuppen im Bücherregal: nach Einsätzen für Rodarte und Proenza Schouler im New Yorker Concept-Store Moss gefunden. Und eben das Nymphenburger Hippo auf dem Kamin: in München nach der Eröffnung der Bottega-Veneta-Boutique aufgetrieben. ,,Wir sind wie kleine Jungs in einem Spielzeugladen”, kichert Steven Brinke, ,,wir finden einfach kein Ende.”

Und deshalb wurde das 150-Quadratmeter-Haus im lebhaften 13. Arrondissement irgendwann zu klein für all das Spielzeug. Gaubert und Brinke tauschten es vor zwei Jahren gegen die verschwenderischen 300 Quadratmeter im beschaulichen 16. und residieren nun inmitten der Bourgeoisie, vis-à-vis des Musée de la Contrefaçon, einem Museum, das gefälschte Luxusgüter seit Beginn der modernen Produktpiraterie ausstellt. Gaubert und Brinke hingegen schwören: Bei ihnen sei alles echt.

300 Quadratmeter sind in einer Stadt, in der der Mietspiegel alljährlich Rekorde bricht, sehr viel Platz für zwei Menschen. Zudem es nur zwei sehr kleine Mitbewohner gibt, die Kater Boris und Brad – sowie die Graugansdame Chantal, die in ausgestopfter Form die Besucher im Flur begrüßt. ,,Irgendwann hatten wir unsere ganzen CDs in der Badewanne gelagert”, rechtfertigt Gaubert den Umzug, und ist schon auf dem Weg ins Untergeschoss, um den Beweis anzutreten. Das Wort Keller wäre auch hier: nur eine weitere maßlose Untertreibung.

Heller Sisalteppich, ein weißer XXL-Tisch des britischen Design-Thinktanks Established & Sons im Zentrum des Raums, dazu der,,Branca Chair”von Industriedesigner Sam Hecht (für Mattiazzi) in zehnfacher Ausführung, aus Esche: ein Luxusuntergeschoss, zum Büro umgebaut, 120 Quadratmeter groß. Und die Wände erst! Sie sind fast vollständig mit Regalen zugestellt, darin penibel einsortierte CDs. Knapp 80 000 Euro geben Gaubert und Brinke im Jahr durchschnittlich für Tonträger aus. Dazu kommt die Sammlung der bei iTunes eingekauften Titel, die 30 Monate lang nonstop laufen könnte, ohne eine Wiederholung.

Eigentlich sollte man annehmen, die Musikindustrie versorge die beiden kostenlos, um den Absatz ihrer Künstler zu steigern. Tut sie aber nicht. Oder nur mit schlechter Musik, sagt, Gaubert, die gute müsse man sich selbst besorgen. Dabei haben Gaubert und Brinke, die sich als DJ-Team Noiseboys nennen, mit ihrer Musikauswahl etwa für die bombastisch inszenierten Schauen von Chanel schon so manchen Song zum Hit werden lassen. ,,Blind” von Hercules and Love Affair zum Beispiel: Den kannte im März 2008, als die Show stattfand, noch kaum jemand. Bald danach lief er auf jeder Fashionparty. Und bald danach in jedem Club, in jedem Radio.

,,Karl ist ein Katalysator für Trends”, sagt Gaubert und meint damit: Was und wer ihn umgibt, womit und mit wem er sich umgibt, wird wie von Zauberhand gleich mit bekannt, ja berühmt, geadelt. Wie durch einen gigantischen Verstärker wird die Nachricht in die Welt getragen: cool. Auch Gaubert und Brinke bekamen ihren Ritterschlag von Lagerfeld.

Es muss irgendwann in den späten 70er- Jahren gewesen sein, als Gaubert seine schicksalhafte Begegnung mit Lagerfeld hatte, genau erinnert Gaubert sich nicht. Er war jedenfalls gerade aus einem kleinen Kaff in der Bretagne nach Paris gezogen, ein Zufall schon das, denn eigentlich sollte er zum Militärdienst nach Südfrankreich:,,Ich aber sagte dem Offizier, dass ich schwul sei und den Dienst quittieren wolle, und da antwortete der: ,Okay, verstehe. Ich bin auch schwul.’ Wir trieben es die ganze Nacht, und am nächsten Tag reiste ich auch schon nach Paris.”

Viel Gepäck hatte Gaubert nicht dabei. Das Wichtigste aber durfte nicht fehlen: seine Musiksammlung. Mit ihr stellte er sich sofort nach der Ankunft im damals angesagtesten Plattenladen der Stadt, Champs Disques, vor – und bekam einen Job als Verkäufer. Wie es wieder der Zufall wollte, gehörte Lagerfeld zur Stammkundschaft, die beiden freundeten sich über ihre Musikleidenschaft an. Bald schon verschaffte Lagerfeld Gaubert einen ersten DJ-Posten, im damals wildesten Club der Stadt, dem ,,Le Palace”. Der Discoschuppen war Ersatzwohnzimmer für Yves Saint Laurent, Claude Montana, Thierry Mugler, und so wurde Gaubert Teil der Modeszene von Paris. Einige Drogenexzesse und durchzechte Partynächte, einen Alkoholentzug und eine Begegnung mit dem New Yorker Model Steven Brinke später ergatterte Gaubert seinen ersten Job als Fashion-DJ: ,,Irgendwann klingelte nachts das Telefon, Karl war in der Leitung, er sagte: ,Michel, ich habe gerade die Musik für Chanel gehört. Die ist nicht gut. Gar nicht gut. Kannst du übernehmen?” Es war zwei Uhr morgens, acht Stunden danach standen Gaubert und Brinke bei Chanel an den Plattentellern. Das war Mitte der 8oer-Jahre. Heute gibt es kaum ein Luxuslabel, das die beiden Soundstylisten noch nicht gebucht hätte.

Erstaunlicherweise saß KarI Lagerfeld noch nie in der neuen Wohnung mit ihnen am Esstisch. ,,KarI geht nie auswärts essen”, lacht Gaubert. ,,Und seit er sein Stadthaus verkauft hat, empfängt er auch keine Gäste mehr – zumindest, soweit mir bekannt ist.” Und trotzdem hat er schon Spuren hinterlassen, der Brionvega-Fernseher im 70er-Jahre-Design war sein Geschenk zum Einzug, und das Miniaturregal von Ettore Sottsass und die,,Super Lampe” von Martine Bedin gehörten ursprünglich zum Inventar eines Hauses von Lagerfeld, das im Memphis-Stil eingerichtet war. Nun stehen diese Objekte da und fügen sich ein in den höchst zeitgenössischen Stil. Wirkliche Antiquitäten gibt es keine, die Hausherren mögen es modern, kein Teil ist älter als sie selbst. Man könnte es aber auch so sehen: Antiquitäten würden fremde Geschichten mitbringen, die nicht von Gaubert und Brinke handeln, ihren Reisen, ihren Freunden. Und vom Geldwert der Dinge. Denn billig ist hier wirklich gar nichts.

Einen Masterplan, wie ihre Wohnung irgendwann mal fertig aussehen soll, gibt es nicht. Gaubert und Brinke handeln beim Einrichten wie beim Entwerfen ihrer Modeschauen-Soundtracks: aus dem Bauch heraus. ,,Und doch ist Soundstyling am Ende ähnlich, wie eine Doktorarbeit zu schreiben”, erklärt Gaubert. Wobei das Dissertieren vor allem im Beherrschen der Quellenkunde besteht, im Wissen über all die Musik, die es gibt – und welche Art die visuelle Wirkung einer Modeinszenierung akustisch verstärken kann. Es besteht nicht darin, Tracks zu remixen oder bei einer Schau besonders gekonnt zu mischen. Das tun bloß normale DJs. Bevor Michel Gaubert den Gedanken mit der Doktorarbeit fortführen kann, klingelt das Telefon. Ein Käufer für ein ausrangiertes Möbelstück ist am Apparat, Gaubert und Brinke haben eBay für sich entdeckt – nur zum Verkaufen natürlich. Ein weiterer Umzug wird so bald nicht nötig werden.

 

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