Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung

November 2012

Das war's

DIE STYLISTIN

Marie-Amélie Sauvé

„Nicolas ist für mich einer der bedeutendsten Designer unserer Zeit. Wie zuvor Azzedine Alaïa mit seinem gleichnamigen Label und Rei Kawakubo für Comme des Garçons hat er die Mode mit seinen Designs auf ein ganz neues Level gebracht. Selbst seine älteren Entwürfe sind heute noch hochmodern – und werden immer noch kopiert. Er hat mir vor Jahren einmal aus der Patsche geholfen: Ich hatte damals gerade meinen ersten Job bei Trussardi an Land gezogen. Als ich dort ankam, war ich geschockt. Außer mir war dort niemand! Es herrschte totales Chaos. Es gab noch nicht einmal ein richtiges Atelier. Für einen Moment sah es so aus, als ob ich die Kollektion ganz alleine machen müsste. Da rief ich Nicolas an. Wir hatten uns sechs Monate zuvor kennengelernt, über einen gemeinsamen Freund, der bei Jean Paul Gaultier arbeitete. Nicolas war dort Praktikant. Zwischen uns hat es sofort geklickt. Wir haben die Trussardi-Kollektion dann doch noch gemeinsam zu Ende gebracht.

Ein paar Monate später hat Nicolas schon bei Balenciaga angefangen. Das war 1997. Neben meinem Job als Redakteurin für die französische Vogue habe ich damals ausschließlich für Balenciaga gearbeitet. Ich war dort Stylistin, Muse und Model. Nicolas hat jedes Teil an mir probiert. Das meiste in meinem Kleiderschrank ist, klar, von Balenciaga. Es war ein sehr kleines Team, fast wie eine Ersatzfamilie. Wir haben Tag und Nacht zusammen verbracht und sehr viel experimentiert. Ich werde die erste Show in Paris niemals vergessen: Es war der Beginn von etwas ganz Großem. Das spürten alle. So emotional war ich nur noch bei seiner Show für Frühjahr 2013. Wir waren die Einzigen, die wussten, dass es seine letzte Kollektion sein würde.

Unabhängig von seinem Talent: Nicolas ist sehr smart. Er denkt so schnell und immer schon viel weiter als alle anderen. Er ist wie eine Rakete! Ich kann mir Balenciaga ohne ihn nicht vorstellen. Balenciaga und Nicolas, das ist ein und dieselbe Sache.“

 

DER MENTOR

Pierre Hardy

„Nicolas ist ein Erneuerer, seine Kreativität kennt keine Grenzen. Und er hat mich als seinen Schuhdesigner ehrlich gesagt manchmal ganz schön überfordert. Für seine Herbst/Winterkollektion 2010 sollte ich etwa einen Schuh entwerfen, der, wie seine Kollektion, auf dem Prinzip der Marketerie basiert. Nicolas kam mit den abenteuerlichsten Materialien aus dem Möbeldesign an. Ich sollte Holz, Metall, und sogar Plexiglas miteinander mischen! Die Herausforderung bestand darin, das alles mit einem klassischen Modell wie dem Penny Loafer und traditionellem Leder wie Kroko zu verbinden.

Es ist genau diese Art von Kreativität, die Nicolas’ Mode am besten beschreibt. Als er bei Balenciaga angefangen hat, war ich so etwas wie sein Mentor. Ich habe ihm geholfen, seine fast schon kindliche Spontaneität in Bahnen zu lenken. Ich war als Designer bereits erfahren und hatte mein eigenes Label. Nicolas und ich kennen uns, seit er 21 Jahre alt war – wir waren für sieben Jahre ein Paar. Ich hätte nie gedacht, dass aus ihm jemals dieses Modegenie werden würde. Er hatte seine Ideen anfangs einfach nicht unter Kontrolle. Das änderte sich aber mit seiner Kollektion für die Saison Herbst/Winter 2006. Nicolas hatte seine eigene Sprache gefunden. Diese Kollektion war wegweisend für alle Kollektionen, die danach folgten.

Ich liebe immer noch seinen Sommer 2008. Diese mit Blüten bedruckten Kleider, die geformt waren wie die Karosserie eines Sportwagens! Dazu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf dem Laufsteg! Das war so unerwartet modern, respektierte aber gleichzeitig die DNA von Cristóbal Balenciaga. Nicolas hat es geschafft, etwas Lieblichem, wie einem Sommerkleid, Stärke zu verleihen. Mit seinen Designs hat er Weiblichkeit neu definiert. Es macht mich sehr traurig, dass er nicht mehr für Balenciaga entwerfen wird. Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen.“

 

DIE EINKÄUFERIN

Laure Heriard Dubreuil

„Noch bevor ich 2007 mein erstes eigenes Geschäft in Miami eröffnete, ,The Webster‘, habe ich Balenciaga-Kollektionen von Nicolas geordert. Ich lagerte sie im Keller, ich wusste, dass sie sich verkaufen. Davor habe ich fast acht Jahre lang für Nicolas gearbeitet und mich als Merchandise Manager um Shoperöffnungen und Ladenkonzepte gekümmert. Wir haben uns 1999 – ein Jahr nachdem er seine erste Kollektion gezeigt hat – kennengelernt. Es war mein erster Tag als Praktikantin bei dem Pressebüro, das damals Balenciaga betreute. Nicolas war für einen Termin in der Stadt und wir haben zufällig gemeinsam das Büro verlassen. Ich weiß nicht mehr warum, aber wir unterhielten uns plötzlich über Liebe auf den ersten Blick. Er kann sich noch heute an alle Details dieses Gesprächs erinnern. Unglaublich.

Aber genau das macht Nicolas aus: Er hat ein sehr gutes Gedächtnis. Man könnte auch sagen: Er ist ein absoluter Perfektionist. Als er an seiner Herbst/Win- terkollektion für 2004 arbeitete, hatte er plötzlich die Idee, alle Kleider mit Ketten zu verzieren, die mit Autolack besprüht wurden. Also fuhren wir in einer Last-Minute-Aktion zu einer Autowerkstatt irgendwo in den Pariser Banlieues. Die Show war am nächsten Morgen um neun Uhr. Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet und sind von dort direkt zur Location. Das Ergebnis war perfekt!

Schwer zu sagen, welche Kollektion mir am besten gefallen hat. Bei Frühjahr 2001 hatte ich einen Fashion-Moment. Ich wusste: Wenn ich mal heirate, muss ER mein Kleid entwerfen. Eine seiner stärksten und kommerziell erfolgreichsten Kollektionen war Herbst/Winter 2006. Nicolas hatte damals das erste Mal Zugang zu den Archiven von Cristóbal Balenciaga. Ich war hin und weg: die Helme! Die kurzen, steifen Jacken im Tartanmuster – zu diesen brokatverzierten Röcken! Jedes Teil hatte diese spezielle architektonische Schnittkunst und ein bourgeoises Finish. Ich wollte alles haben. Aber gut, das war bei der Mode von Nicolas ja nichts Neues.“

 

DER DJ

Michel Gaubert

„Ich habe den Soundtrack für Nicolas’ erste Balenciaga-Show zusammengestellt und für seine letzte. Und für alle Modenschauen dazwischen. Mal überlegen, seine allererste Show im Oktober 1998 . . . ich erinnere mich, ehrlich gesagt, nur vage. Ich war mit meinem DJ-Pult irgendwo hinter dem Backstagebereich untergebracht und konnte die Models nur ganz aus der Ferne sehen. Erst eine Woche später habe ich begriffen, was bei dieser Show passiert ist. Nicolas hatte mich und seine Stylistin Marie-Amélie Sauvé zu sich nach Hause eingeladen, um uns das Video von der Präsentation zu zeigen. Damals gab es so was ja noch nicht im Internet. Beim Anschauen wurde mir klar: Wir hatten zusammen Modegeschichte geschrieben. Die minimalistische Musik, diese nonnenartige Looks, das sachliche Styling. Das war absolut neu.

Nicolas liebt es, mit Musik ein Image, eine bestimmte Emotion bei einer Show zu kreieren. Seine Sommerkollektion 2001 etwa wollte er als Videospiel inszenieren. Die Idee war, dass ein Held eine Prinzessin befreien sollte. Also spielten wir zunächst Elektro-Tracks von der Pariser Combo The Micronauts, was sehr an den Nintendo-Sound der Achtzigerjahre erinnerte. Er wollte unbedingt noch etwas Französisches spielen, weil Balenciaga für ihn der Inbegriff französischer Couture war. Wir sind bei mir dann alle möglichen LPs durchgegangen. Und was passiert? Auf einmal zieht Nicolas eine Single von Stéphanie de Monaco aus dem Regal. Als Finale haben wir also ihren Song „Like a Hurricane“ gespielt. Stéphanie stand stellvertretend für die gerettete Prinzessin. Die Leute haben sehr gelacht.

Zu seiner Kollektion für Herbst 2012 lief der Song „Warm in the winter“ von Glass Candy. Im Prinzip haben wir bei jeder Show mit Bildern der Popkultur gespielt, so wie Andy Warhol. Auch wenn viele Popmusik bei einer Modenschau als billigen Trick sehen: Bei Nicolas konnte man sich sicher sein, dass immer eine smarte Idee dahintersteckte.“

 

DIE „VOGUE“-CHEFIN

Christiane Arp

„Jeden Sommer ärgere ich mich wieder aufs Neue. Dann stehe ich vor meinem Kleiderschrank, überlege, was ich anziehen soll, und denke: Dazu würden jetzt aber die lindgrünen Army-Pants aus der Balenciaga-Sommerkollektion 2002 gut passen! Leider habe ich mir die Hose damals nicht gekauft, weil in Paris schon jede Zweite damit rumlief.

Oft waren die Entwürfe von Nicolas aber alles andere als gefällig. Seine Modenschauen waren nicht einfach zu konsumieren. Es war nicht die Art Show, zu der man hingeht, sich setzt, Mode sieht und wieder rausgeht. Man musste eigentlich immer erst mal reflektieren, was man da gerade gesehen hat. Viele Dinge haben am Anfang verstört. Seine Frühjahrs-/Sommerkollektion 2012 etwa: Da sah man plötzlich Blazer mit übertrieben breiten und kastigen Schultern, darunter die kürzesten Shorts der Saison – mit Gürteln in der Taille, wie man sie von Rucksackverschlüssen kennt. Und die Hüte! Eine elliptisch geschnittene Krempe mit einer kleinen Blende an der Front. Seine Mode hatte diese gebrochene Schönheit, die unglaublich inspirierte.

Ghesquière hat meine Erwartungshaltung nie enttäuscht. Man hatte ja kein Balenciaga mehr gesehen, seit das Haus Anfang der Siebzigerjahre geschlossen wurde. Nachdem ich seine erste Kollektion gesehen hatte, war klar: Ich darf nie eine seiner Shows verpassen. Daher habe ich einige Male sogar die erste Maschine von München nach Paris nehmen müssen, weil seine Shows bereits um zehn Uhr anfingen. Das war verflucht früh, aber man hat keine Kosten und Mühen gescheut, um dabei zu sein. Meine stellvertretende Modechefin ist für die letzte Show sogar mit einem Motorrad vom Charles de Gaulle durch die verstopften Straßen von Paris gerast, um pünktlich zu Balenciaga zu kommen. Bei seinen Shows habe ich es immer gehalten wie Diana Vreeland: Mode hilft dir, morgens aus dem Bett zu kommen. Sie ist eine Lebenseinstellung. Ohne sie ist man niemand.“

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