Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung

März 2012

Ein Mode-Träumchen

Es ist immer wieder surreal. Einmal zum Beispiel steht plötzlich Bryan Ferry auf einer kleinen Holzbühne und gibt den Pop-Gigolo. Sein Haar ist zerzaust, der maßgeschneiderte Anzug sitzt so, als habe sich der Sänger vor ein paar Minuten erst aus dem Hotelbett geschält. Geschätzt 200 Gäste drängeln sich vor der provisorisch zusammengezimmerten Bühne. Sie sind an diesem für kalifornische Verhältnisse ungewöhnlich kühlen Februarabend nach Los Angeles gereist – genauer: nach Los Feliz –, um die mittlerweile elfte Designerkollektion der schwedischen Massenmodekette H&M zu feiern. Und Bryan Ferry liefert den Soundtrack für dieses Fest, das den Namen „Promi-Party“ ausnahmsweise mal verdient hat. Neben den etwa 150 Journalisten, die eigens eingeflogen wurden, sieht man pausenlos Gesichter, die man kurz vorher noch auf der Kinoleinwand oder in der Grazia gesehen hat.

Wenn Modelabels Partys ausrichten, wegen einer neuen Kooperation oder Taschenkollektion, sieht man in der Post- Berichterstattung mal ein, zwei halbberühmte Gesichter, wenn es hochkommt. Zum Launch von H&Ms neuer Marni- Kollektion ist halb Hollywood gekommen, dazu alle derzeitigen It-Girls, die meisten in „Marni für H&M“.

Ist die da, die gerade im Grünkohlsalat pickt, Sofia Coppola?

Der einen steht es besser (Annabelle Dexter-Jones, Milla Jovovich), der anderen weniger (Winona Ryder). Aber die Mode ist Nebensache. Kurz nachdem der Abend begonnen hat, ist klar: Dies hier ist die unwirklichste Party, auf der man je eingeladen war. Vielleicht liegt es an den Stars, die sich so natürlich bewegen, als wäre das hier die private Grillparty eines befreundeten Maskenbildners. Ist das auf dem Sofa da drüben nicht Drew Barrymore? Sie ist’s. Ein paar Meter neben ihr? Das müsste Mena Suvari sein, allerdings mit einem neuen Gesicht. Und die Brünette an der Bar, die sich gerade vom Grünkohlsalat genommen hat? Sofia Coppola. Die Kulisse dieses Schauspiels ist die spektakuläre Architektur des „Sowden House“: eine Villa aus den späten zwanziger Jahren. Mit ihren verzierten Betonquadern sieht sie aus wie ein Maya-Tempel, der zwischen den Hollywoodhügeln emporragt.

Die Veranstalter nennen die Party-Location nur „das Haus des Sohns von Frank Lloyd Wright“ – der Sprössling von Amerikas größtem Architekten hat die Villa 1926 für seinen guten Freund, den Fotografen John Sowden, gebaut. Ab 2000 Dollar die Nacht kann man dieses Anwesen mieten und damit tun und machen, was man will. H&M hat sich entschieden, die neue Marni-Kooperation mit einer marokkanischen Nacht zu feiern. Die schätzungsweise fünfhundert Kissen passen perfekt zu den Kelim-Teppichen, die den Boden wie eine Patchworkdecke bedecken, in der Luft liegt der Duft von Sandelholz. Nach dem dritten Glas Champagner hat man vergessen, dass man in den Bergen von Los Angeles ist und nicht in der Medina.

Es bedarf schon einiger Requisiten, um dieses Gefühl von nordafrikanischer Folklore in Kalifornien herzustellen – aber warum eigentlich Marokko? Wohl weil sich Sofia Coppola für ihren Imagefilm, den sie für die Designerkollektion produziert hat, Marrakesch als Drehort ausgesucht hat. Was sie darin zeigt, zur Musik von Bryan Ferry – eine wunderschöne Imogen Poots, die sich mit einem Model in wahrhaftig wunderschön gemusterten Kleidern räkelt – hätte ebenso gut am Pool von Coppolas Lieblingshotel, dem Chateau Marmont in West Hollywood, oder unter den Palmen von Palm Springs stattfinden können. Aber der Film will, wie die Marni-Kollektion, eben das genau sein: die Erinnerung an einen traumhaft schönen Luxusurlaub in Marrakesch, auch wenn der H&M-Kunde die letzten Ferien im Tropical Islands in Krausnick verbrachte.

Coppola, im brokatverzierten Marni-für-H&M-Anzug, gibt sich mädchenhaft zart. Ihre Hand fühlt sich bei der Begrüßung an wie eine welke Lilienblüte. Dass dies hier ein durchchoreographiertes Event ist, merkt man an den Phrasen, die aus ihrem Mund kommen. Sie äußert sich natürlich zu nichts anderem als zu ihrem Modefilm. Wäre es nicht einfacher gewesen, die Gäste gleich nach Marrakesch einzufliegen und nicht Tausende Kilometer um den Erdball nach L.A. zu schicken? Kreativchefin von H&M, Margareta van den Bosch, die an diesem Abend übrigens die Übergrößenmarke Marina Rinaldi trägt, antwortet freundlich: „Überhaupt nicht. Für uns war es entscheidend, dass möglichst viele Celebrities kommen. Und die leben nun mal hier.“ Da nimmt man schon mal in Kauf, dass die Journalistin aus Peking 30 Stunden um die Welt fliegt, um einen Tag lang in Kalifornien zu bleiben.

Diese Anstrengungen verraten möglicherweise etwas über die Nervosität, die bei den Schweden ob dieser neuen Kollektion herrscht. Nicht jede Zusammenarbeit war ein Erfolg. Über Umsatzzahlen spricht das Unternehmen nicht, aber die jüngste Designer-Kollektion, von Versace, kann man noch immer online ordern. Und verglichen mit Versace ist Marni so was wie ein Insider – die Marke wird besonders gerne von wohlhabenden Kunst-Studentinnen getragen. Oder, wie das New York Magazine mal so richtig schrieb: „Wenn Kunstlehrerinnen reich und chic wären, würden sie Marni tragen.“ Der H&M-Durchschnittskunde kontert da eher mit der Frage: „Heißt das nicht Armani?“ Und auch an diesem Abend nimmt man nicht vielen der geladenen Gäste ab, dass sie im Alltag eingefleischte Marni-Fans sind – höchstens der Bienenkönigin der PR-Branche, die ein paar Meter weiter sitzt und das Label auch betreut: Karla Otto. Ein junges Ding wie Annabelle Dexter-Jones, das mit ihrem Mann, dem Nachtclubbesitzer André Saravaia angereist ist, lässt sich sonst eher in Kreationen ihrer ebenso jungen Designerfreunde ablichten, Emily Jerome oder Olympia Le Tan.

Marni ist mehr Kunstbetrieb als Clubszene. Das Label hat damals bei Galeristinnen Marc Jacobs abgelöst. Die eklektizistischen Prints, die Consuelo Castiglioni seit 1992 für ihre Damenkollektionen entwirft, wurden auch schon von Richard Prince gestaltet. Trotzdem: Kein Kunstmensch lässt sich an diesem Abend blicken. Kein John Baldessari, kein Larry Clark. Und schon gar kein Galerienschwergewicht wie Larry Gagosian, der inzwischen auch Teilzeit in Los Angeles lebt. Man hätte so gerne wenigstens diese lustige Aurel Schmidt mit ihrer großen Comicbrille in einem Marni- Top gesehen. Viel lieber als eine schlecht gelaunte Winona Ryder, die hier in einem zu großen Kurzmantel versinkt. Aber die Strahlkraft von H&M reicht offenbar nicht bis in jede Szene. Und Winona Ryder ist eben auch zwanzig Jahre nach ihrem Karrierehoch massenkonformer als eine Type wie Aurel Schmidt.

Marni ist mehr Bauhaus als Maya-Tempel.

Nichtsdestotrotz: Die H&M-Kollektion ist nicht nur hübsch und modern – Siebziger-Jahre-Mustercocktails, Parkas, Blumenketten – sie sieht auch hochwertiger aus als viele Vorgänger-Kollektionen. Jedes Teil fügt sich auf den ersten Blick problemlos in die Prêt-à-Porter-Linie des Hauses ein. „Ich wollte einfach ein Best-of meiner bisherigen Entwürfe machen“, erklärt Castiglioni. „Die Prints habe ich dafür also nicht neu entwickelt, sondern aus vergangenen Kollektionen zitiert.“ Doch das Spektakel, das an diesem Abend in den Hollywoodhügeln stattfindet, passt so gar nicht zu dem italienischen Modehaus. Die etwas hysterische Versace-Linie wurde in New York vorgestellt, mit musikalischer Begleitung von Prince und Modenschau. Aber Marni ist nicht laut. Es ist trotz Prints ein minimalistisches, zurückhaltendes Label. Mehr Bauhaus als Maya-Tempel.

Das bestätigt sich auch dadurch, dass das Zimmer, in dem die Kollektion hängt, weitgehend umbemerkt bleibt. Die am Champagner nippenden Gäste haben längst ein Thema gefunden, das viel besser in die Celebrity-Nacht passt: Ist die Beule, die der Los-Angeles-Galaxy-Fußballer David Beckham auf dem aktuellen Werbeplakat in seiner H&M-Unterhose hat, echt – oder handelt es sich da um eine zusammengeknüllte Socke? Den ganzen Abend lang wird über diesen Sachverhalt spekuliert. Mit einem Marketingtrick hatte seine Gattin, Designerin Victoria Beckham, die Diskussion gerade befeuert, als sie während der New Yorker Modewoche in sicherer Entfernung vor einem riesigen Werbeplakat posierte, die Hand so ausgestreckt, als würde sie darin das beste Stück ihres Gatten halten. „Alles echt“, versichert Donald Schneider. Der ehemalige Art Direktor der französischen Vogue berät inzwischen H&M bei seinen Marketingstrategien. „Dass das ein bisschen künstlich aussieht, liegt einfach daran, dass bei Wäscheaufnahmen eine Schablone in die Unterhose gelegt wird. Damit werden eindeutige Konturen unkenntlich gemacht.“ Und da ergibt der Abend, der Ort, die Stadt plötzlich einen Sinn: Träume verkaufen sich eben nirgendwo so gut wie in Hollywood.

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