Nils Binnberg
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Süddeutsche Zeitung Magazin – Stil Leben

März 2018

„Je pompöser, desto bedeutender“

SZ-MAGAZIN Sie bezeichnen Ihren Stil als katholisch – und den Ihres Partners, des Designers Thom Browne, als protestantisch. Was heißt das genau?

ANDREW BOLTON Kommen Sie mal in unser Apartment in New York. Thom fühlt sich magisch von Midcentury-Möbeln angezogen. Der Stil ist geradlinig und nüchtern. Dem Protestantismus geht es um die Ausmerzung von Mode. Alles Frivole, Spielerische ist ihm fremd. Bei mir darf es prunkvoller sein. Wenn ich könnte, würde ich in einem Palast leben. Ich bin in einer katholischen Gemeinde in Lancashire, England, aufge- wachsen. Das hat mich sehr geprägt. Ich versuche, Thom nach und nach an den Protz des späten 18. Jahrhunderts zu gewöhnen. Mir gefallen auch die Stühle des französischen Designers Jacques Adnet. Sie sind komplett mit schwarzem Leder überzogen. Wir haben beide unsere kleinen Fetische.

Um die katholische Lust am Prunk geht es auch in Ihrer neuen Ausstellung. Der Vorgänger von Papst Franziskus, Benedikt VXI., auf den die Deutschen so stolz waren, schien eine Schwäche für pracht- volle Gewänder zu haben. Schlagzeilen machten auch seine roten Schuhe, die angeblich von Prada waren.

Das würde ich gern richtigstellen. Benedikts Schuhe hat der Schuhmacher Adriano Stefanelli angefertigt. Sie sind keine modische Laune. Dass der Papst rote Schuhe trägt, hat eine lange Tradition in der katholischen Kirche. Die Farbe steht metaphorisch für die Kreuzigung und das Blut Christi. Und Benedikt XVI. war eben traditionsbewusst. Wie allgemein bekannt, ist die katholische Kirche sehr hierarchisch aufgebaut, stärker als jede andere Religion. Durch die Kleidung wird der Rang angezeigt – je pompöser, desto bedeutender. Das reicht von der einfachen Dalmatik für den Diakon bis zum Seidenmantel mit Hermelinbesatz für den Papst. Auch wegen dieses Interesses an der Inszenierung hat der Katholizismus wie keine andere Glaubensgemeinschaft die Mode geprägt.

Es gibt konkrete Beispiele für den Einfluss der Kirche. Das Designerduo Dolce & Gabbana erklärte, es habe sich unter anderem von den Mosaiken der Kathedrale von Mon- reale anregen lassen. Bei Valentino standen die Mönchsroben von Barockgemälden Modell.

Besonders beeindruckend ist in dieser Hinsicht Gianni Versace. Für eine Kollektion von 1991 zitiert er explizit die byzantinische Mosaikkunst der San-Vitale-Kirche in Ravenna und der Kirche Sant’Apollinare in Classe: Ein flamingofarbenes, ärmelloses Top mit passender Hose ist über und über mit goldenen Kreuzen und Heiligensymbolen bestickt, die wiederum mit bunten Glassteinen mosaikartig verziert sind. Aber es geht nicht nur um Imitation oder Inspiration. Ich sehe das Verhältnis von Mode und Katholizismus viel umfassender.

Wie denn?

Die zentrale These meiner Ausstellung ist, dass die katholische Fantasie die Kreativität vieler Künstler und Designer beflügelt hat. Auf den Gedanken brachte mich ein Buch des US-Theologen David Tracy, in dem er analysiert, dass der Katholizismus in Metaphern denkt. Das Brot als Metapher für den Leib Christi zum Beispiel. Während der Protestantisums analytisch ist, gibt es im Katholizismus ein fantasievolles Storytelling.

Die Geschichten des katholischen und protestantischen Glaubens stehen doch im selben Buch.

Es gibt einen wichtigen Unterschied. Im Protestantismus ist Gott abwesend und tritt nur zu bestimmten Anlässen auf, beispielhaft bei der Kreuzigung Jesu Christi. In Abgrenzung zu Gott hat alles Irdische nüchtern zu sein. Im katholischen Glauben dagegen ist Gott in allem verkörpert. In Objekten, Ereignissen und Menschen. Daher werden sie auch als Zeichen der Verehrung prachtvoll geschmückt. Der Katholizismus ist schwelgerisch und daher wie gemacht, die Kreativität von Künstlern zu beflügeln. Ich war erstaunt, wie viele Designer davon geprägt sind.

Tatsächlich ist zumindest auffällig, dass viele große Designer katholisch sind oder zumindest aus katholischen Familien stammen, etwa Christian Lacroix, John Galliano, Coco Chanel, Jeanne Lanvin.                      

Oder nehmen Sie Cristóbal Balenciaga. Er ist der Star meiner Ausstellung, weil er ein tiefes Verständnis der von mir angesprochenen katholischen Fantasie hat. Neben Hochzeitskleidern für Königinnen und Partykleidern für den Jetset entwarf er Soutanen für Priester. Für die Ausstellung habe ich einen Seidenmantel von ihm aus dem Jahr 1954 gewählt. Er ähnelt in der Silhouette stark einem priester- lichen Gewand aus dem 17. Jahrhundert.

Wie sind Sie an die altertümlichen Kleidungsstücke herangekommen?

Zuerst meldete ich mich bei den Vatikanischen Museen. Da sagte man mir, dass ich an der falschen Stelle gelandet sei. Ich hätte natürlich wissen müssen, dass der richtige Ansprechpartner die Sakristei der Sixtinischen Kapelle ist: Dort sind die Kleider gelagert. Ich glaubte irrtümlich, dass die Kleider Ausstellungsstücke wären – aber viele von ihnen sind nach wie vor in Gebrauch.

Und in der Sixtinischen Kapelle empfing man Sie mit offenen Armen?

Na ja. Es hat etwa zwei Jahre gedauert und insgesamt acht Besuche, bis die Leihgaben über die Bühne gingen.

Wie sieht die Kleiderkammer des Vatikans aus?

Kleiderkammer? Das sind unzählige Zimmer, in denen die Kleidung und Accessoires aufbewahrt werden: Dalmatiken, Kappen und Kronen. Ich habe nur einen Bruchteil davon gesehen. In einem Raum waren nur kunstvoll verzierte Mäntel. Der älteste stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde für Benedikt XIV. entworfen: meterlang, über und über mit Goldfäden bestickt. Ein Zeremonienmeister präsentierte mir die Kleider. Es wäre interessant zu wissen, wie viele Stücke dort aufbewahrt sind. Ich habe insgesamt vierzig ausgeliehen. Darunter auch die Papstkrone von Pius IX. Für den Transport sind zwei Bodyguards nötig. Sie war ein Geschenk der spanischen Königin Isabella II. im 19. Jahrhundert und ist mit 18 000 Edelsteinen besetzt.

Gab es auch Einwände gegen Ihre Ausstellungsidee?

Mein eigentlicher Plan war, die Kleidung der Geistlichen direkt neben der Designermode zu zeigen. Mir geht es ja um die direkte Gegenüberstellung. Der Vatikan wollte das aber nicht. Also schlugen wir vor, die Messgewänder und die Mode in getrennten Räumen auszustellen.

Es scheint in der katholischen Kirche gerade die Lust am Glanz und den schönen Kleidern aus der Mode zu kommen. Papst Franziskus soll »Schluss mit dem Karne- val!« gerufen haben, als er bei seiner Amtseinführung in prachtvolle Gewänder gekleidet werden sollte.

Das mag sein. Ich hatte keinen Kontakt zu Papst Franziskus und weiß auch nicht, ob er in irgendeiner Weise in die Entscheidungen über die Zusammenarbeit mit mir und dem Metropolitan Museum of Art involviert war. Aber mir ist natürlich klar, dass meine Ausstellung auch provoziert. Progressivere Katholiken könnten die Ausstellung als rückwärtsgewandt empfinden, wegen meines Interesses an der Form, an der Inszenierung. Konservative Katholiken finden vielleicht den Ansatz insgesamt blasphemisch. Aber wer mit vorgefertigten Meinungen in Aus- stellungen geht, wird immer verärgert oder enttäuscht sein. Ich hoffe also auf interessierte, offene Besucher. Und in einer Sache bin ich mir ganz sicher: Schönheit kann eine Brücke zwischen Menschen sein, ganz egal, an was sie sonst glauben.

 

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