Nils Binnberg
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Die Dame

Juni 2021

„Mein Frauenbild ist überzeichnet“

Beim Treffen im Schiaparelli-Salon an der Pariser Place Vendôme trägt Daniel Roseberry ein tailliertes weißes Button-down-Hemd und dunkelblaue Chinos. Der Designer ist in natura genauso attraktiv wie auf Fotos – und er ist entwaffnend charmant, was es äußerst angenehm macht, ihm gegenüberzusitzen.

Herr Roseberry, als Sie bei Schiaparelli den Chefposten übernahmen, hatten Sie in Ihrem Leben weder ein Couture-Kleid entworfen, noch sprachen Sie mehr als drei Worte Französisch. Woher nahmen Sie das nötige Selbstbewusstsein für diesen Job?

Im Grunde bin ich Perfektionist, aber offenbar doch furchtloser, als mir bewusst war. Ehrlich gesagt habe ich mir im Vorfeld überhaupt kein Bild von der Arbeit in einem Couture-Haus gemacht und somit tatsächlich keinen Stress verspürt. Zumal ich zuvor acht Jahre lang für die New Yorker Marke Thom Browne durchaus exaltierte Silhouetten entworfen hatte. Und ich bin ja nicht allein bei Schiaparelli, ich habe ein erfahrenes Team an meiner Seite und auch eine Simultanübersetzerin, die stets bei den Anproben mit den Schneiderinnen dabei ist. Ich musste mich allerdings erst an den Luxus eines Ateliers gewöhnen, zu Beginn lief es noch nicht rund. Eine Pressekritik zur ersten Kollektion brachte meine Lage auf den Punkt: Ein wahrer Mode-Orgasmus, unvollendet, aber mutig.

Sie sind erst der zweite Amerikaner im exklusiven Club der hohen Schneiderkunst. Der andere war vor sechzig Jahren Jay Jaxon, der gleich für eine doppelte Sensation sorgte: Er war als Chefdesigner bei Jean-Louis Scherrer der erste Amerikaner und der erste Schwarze an der Spitze eines Couture-Hauses. Was sagt uns das über die Spielregeln hier in Paris?

Mit der Couture war es lange Zeit wie mit dem Baguette: Man sollte es sich besser nicht mit dem französischen Kulturerbe verscherzen, indem man versuchte mitzumischen. Die Couture war das stoffgewordene Paris, sie wurde von einer snobistischen Aura des Nationalstolzes und der Tradition umweht. Doch dieses Bild wird gerade neu gezeichnet. Zu uns ins Atelier kommen beispielsweise immer mehr männliche Kunden, vom Modejournalisten über den Architekten bis hin zum schwedischen Adeligen. Diese Männer suchen sich vorwiegend Anzüge und Blazer aus und lassen sich die Stücke dann auf den Leib schneidern. Das ist bezeichnend, denn ich entwerfe eine Kollektion nicht mit einem bestimmten Bild von einer Frau im Kopf. Ich denke an Menschen.

Während an Ihrer ehemaligen Modeschule, dem New Yorker Fashion Institute of Technology, um die achtzig Prozent Frauen studieren, werden gegenwärtig nur drei der bedeutendsten Pariser Modehäuser auch von Frauen geleitet. Warum geraten die Karrieren von Designerinnen irgend- wann ins Stocken?

Zweifelsohne mangelt es ihnen nicht an Talent. Aber die überschallgleiche Geschwindigkeit, mit der Mode heute gemacht wird, lässt sich offensichtlich nicht mit Familie und Kindern vereinbaren – Erziehung ist ja immer noch etwas, das vorwiegend Frauen schultern. Als schwuler Mann habe ich es da, wie viele meiner männlichen Kollegen, leichter. Aber selbst für einen kinderlosen Menschen ist Modedesign ein Knochen-job. Oder wie der französische Modeschöpfer Azzedine Alaïa einst sagte: »Ich bin froh, wenn ich pro Jahr eine gute Idee habe.« Heute müssen pro Kollektion im Schnitt siebzig Silhouetten produziert werden, und das dann viermal im Jahr. Neben der Couture gibt es bei Schiaparelli seit vergangenem Jahr auch eine Ready-to-wear-Linie. Mein Leben ist fremdbestimmt durch den Rhythmus der Mode, die Industrie ist barbarisch. Man muss als Designer schon ein wenig masochistisch veranlagt sein.

Einflussreiche Trendforscher wie die Nieder- länderin Li Edelkoort orakeln, dass die Modeindustrie derzeit an einem Wendepunkt steht: Auf allen Ebenen halte mehr Fairness Einzug. Stimmen Sie dem zu?

Veränderungen rühren oftmals von Schamgefühlen her. Dass man heute mehr People of Color auf Laufstegen oder in Modekampagnen sehen kann als je zuvor, liegt nicht daran, dass die Verantwortlichen in der Industrie das so gewollt hätten. Mangelnde Sichtbarkeit von sogenannten Randgruppen wurde zum Problem, weil die Öffentlichkeit begann, diesen Zustand zu kritisieren. Das hat zu einem Bewusstseinswandel geführt. In Sachen Fairness und Nachhaltigkeit sehe ich aber noch keine Belege dafür, dass die Industrie eine wahrhaftige Veränderung anstrebt. Noch ist alles auf Wachstum gepolt.

Nachdem die Französin Virginie Viard im vergangenen Jahr bei Chanel die Nachfolge von Karl Lagerfeld angetreten hatte, soll der Gewinn um fast zwei Milliarden Euro gestiegen sein. Die Italienerin Maria Grazia Chiuri ist die erste Frau im Hause Dior, seither kennen die Verkaufs- zahlen nur eine Richtung: nach oben. Sind Frauen die talentierteren Designer?

Nur Frauen wissen, was Frauen wollen. Ich gehe mit einem überzeichneten Bild einer Frau an meine Entwürfe heran. Im Grunde ist meine Mode wie Drag: eine Verkleidung. Ich spüre kein Bedürfnis, selbst in ein Kleid zu schlüpfen, aber in meiner Fantasie male ich mir klischeehafte Posen von Weiblichkeit aus.

Sie sind in einem religiösen Milieu im erzkonservativen US-Bundesstaat Texas aufgewachsen. Ihr Vater war Prediger, Ihre Mutter Hausfrau. Wie kamen Sie auf die Idee, Modedesigner zu werden?

Für die Hochzeit meines Bruders ließ sich seine Braut von einer Dorfschneiderin ein wespentaillenschmales Taftkleid der New Yorker Designerin Carolina Herrera nachmachen. Ich war zwölf Jahre alt und träumte davon, Zeichner für Disney zu werden. Die glamouröse Silhouette des Kleids brannte sich sofort in mein Gehirn, und noch auf der Heimfahrt im Auto begann ich wie wild Entwürfe zu zeichnen. Als Teenager sah ich dann zufällig einen Dokumentarfilm über den Modedesigner Michael Kors im Fernsehen und mir wurde schlagartig klar, dass man es selbst als Mann aus einer Mittelschichtsfamilie in der Mode zu etwas bringen kann. Rückblickend erkenne ich, dass mich auch die Rituale der Kirchenzeremonien geprägt haben: Die prachtvollen Inszenierungen haben etwas von einer Modenschau.

Ihr Kollege Tom Ford erzählte über seine texani- sche Kindheit, dass er es als effeminierter Junge inmitten von Cowboys und Ölmogulen nicht leicht hatte. Wie erging es Ihnen?

Ich besuchte eine Schule, die konservative christliche Werte vermittelte. Meine Mitschüler gingen auf die Jagd und fuhren auf Pfadfinderfreizeiten. Schwulsein kam einer Sünde gleich, selbst mein Vater verteufelte Homosexualität in einer seiner Predigten. Das bereitete mir Panik, ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz. Ich versuchte mich anzupassen, hatte im Grunde aber immer das Gefühl, nicht dazuzugehören.

Elsa Schiaparelli, die das gleichnamige Haus Ende der 1920er-Jahre gründete, soll als Teen- ager eine Handvoll Pflanzensamen gegessen haben, um sich in eine überirdisch schöne Blume zu verwandeln. Wohin flüchteten Sie gedanklich in Ihrer Jugend?

Es war nicht so, dass ich mich als Teenager ungeliebt fühlte, aber meine Andersartigkeit machte mich einsam. Das befeuerte meine Fantasie, ich stellte mir vor, ich würde als Popstar auf der Bühne stehen und mich vom Publikum bewundern lassen. Ich war der Regisseur meines eigenen Musikfilms. Im Grunde bin ich bis heute ein schüchterner Mensch, der gleichzeitig das Rampenlicht sucht, um Anerkennung zu finden.

Ein Couture-Kleid kann mehrere Zehntausend Euro kosten. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie auf die Preisschilder Ihrer Entwürfe schauen?

Mir fiel die Kinnlade runter, als ich zum ersten Mal einen Blick auf unsere Preisliste riskierte. Für jemanden wie mich sind 45.000 Euro für ein kleines Cocktailkleid aus schwarzem Crêpe schockierend. Noch vor ein paar Jahren lebte ich in New York in einem abgewirtschafteten Studio in Chinatown. Als ich für das Bewerbungsgespräch in die ehrwürdigen Pariser Räume von Schiaparelli kam, hatte ich keinen Job, kein Geld, keine Wohnung und schlief bei Freunden auf einer Matratze. Es war ein harter Winter, wolken- verhangen und stahlkalt. Als ich hier an der Place Vendôme aus dem Fahrstuhl trat, war ich erschlagen von der glamourösen Aura dieses Ortes. Dann erfuhr ich, dass eine Belegschaft in der Größe eines halben Dorfes Hunderte Stunden an den Couture-Kleidern arbeitet, und dieses Bewusstsein relativierte den Wert der sündteuren Stücke. Selbst wenn es bedeutet, dass eine Hose schon mal so viel kostet wie ein Kleinwagen. Dafür kann man sie für den Rest des Lebens tragen.

Bitte wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Was werden wir demnächst tragen?

Die Klimakatastrophe und Corona-Pandemie haben so ziemlich alle bisher gültigen Moderegeln auf den Kopf gestellt. Für die Marschrichtung der Mode habe ich zwei Szenarien vor meinem inneren Auge: Entweder verändert die Mode ihren Kurs in Richtung Nachhaltigkeit und hin zu einem zeitlos schlichten Design, mit Kleidungsstücken, die uns Schutz versprechen. Oder die Mode wird ähnlich überbordend, wie sie es zuletzt in den 20er-Jahren war, nach der Spanischen Grippe und vor der Drohkulisse des Börsencrashs. Ich hoffe, dass das erste Szenario eintritt und die Modeindustrie grüner wird. Der Couturier in mir wünscht sich aber insgeheim natürlich eher das andere Szenario, eine Explosion der Extravaganz. Es wäre traurig, wenn die Couture plötzlich nur noch in einer Reihe dunkelblauer Wollmäntel bestände.

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